Blizzard

leseprobe

Blizzard

Ellert & Richter, 282 Seiten, 12 Euro









Glitzer, glitzer. Die Welt ist eine Kathedrale, erbaut aus Kristallen, üppig geschmückt mit leuchtenden Diamanten, überdeckt mit schimmerndem Staub wie Puderzucker.

Wie durch zigtausend Prismen bricht sich das Licht der aufgehenden Sonne in dem glänzenden Schmuck, der mit großzügiger Hand über die Welt verteilt wurde. Winzige Regenbögen explodieren, als sie den Kopf neigt. Das Blau der Eisfläche spiegelt sich im Himmel. Das grelle Licht schmerzt in ihren Augen. Schönheit tut weh. Meterhoch türmen sich Eiswände und Schneeschichten, bizarre Formen aus gefrorenem Wasser, mal grellweiß, mal bläulich matt oder grau, mal durchsichtig wie Glas. Zapfen und Zacken, erstarrte Tropfen. Manches sieht aus wie geronnene Luft, als wäre der Sturmwind erstarrt. Wasserwirbel schockgefroren, überschäumende Brandung in der Bewegung gestoppt, ein Wald aus Stämmen, Zweigen, Nadeln, Disteln und Dornen aus Eis. Dünen aus feinsten Kristallen. Gebirge aus Blöcken von gefrorenem Wasser, krustig und mit scharfen Kanten wie Blätterteig aus Eis, garniert mit Baisers aus Schnee, verziert mit frostiger Zuckerwatte.
Schwacher Atem stößt dampfende Wolken aus.
Luft! Luft! Wie kann es sein, dass zu wenig Luft in der Luft ist? Jeder Hauch ist so kalt, dass Nase und Kehle einfrieren.
Inmitten der Eisfläche hockt sie da wie eine Marionette, der man die Fäden zerschnitten hat, auf einem angewinkelten Bein, das andere nach vorn gestreckt. Im groben Mantel, die Füße in klobigen Stiefeln. Dicker Wollschal, Fellmütze. Der Mantel ist so groß, dass er sich wie ein Zelt um sie ausbreitet. Ihre Kleider sind trotz des Glitzerflaums, mit dem sie gepudert wurden, ein hässlicher dunkler Klecks in dieser makellos weißen Umgebung.
Übrigens ist sie nicht der einzige dunkle Fleck in diesem reinlichen Paradies. Da ist noch einer, neben ihr. Erstarrt sitzen sie da, als wären sie aneinander festgefroren.
Rote Streifen ziehen sich durch den Schnee, als farbige Nuance eingeträufelt in das alles beherrschende Weiß. Ein paar Spritzer auf dem klaren Eisfenster, das ihren Blick in die dunkle Tiefe des Meeres lockt. Das Rot versickert im Schnee, das warme Rinnsal gräbt ein winziges Flussbett, dann verblasst es mehr und mehr, übrig bleibt nur eine Ahnung von Leben.
Ist das mein Blut, fragt sie sich. Fließt es noch? Oder ist es längst erstarrt?
Diese Helligkeit tut weh. Dieses verdammte, grell schimmernde Eis! Der Himmel wölbt sich wie eine blaue Kuppel über der weißen Wüste. Alles ist still. Die letzte Flocke ist herabgesunken, in der Glaskugel herrscht Ruhe. Wäre es nicht an der Zeit, dass jemand sie nimmt und schüttelt, damit ein neues Schneegestöber entsteht und denen die Sicht nimmt, die mich einfangen wollen? Wo ist die mächtige Hand, die uns hilft, dem Verhängnis zu entkommen?
Los doch! Greif zu! Schüttle das Glas! Lass uns verschwinden im wilden Schneegestöber und mit uns die ganze Welt.

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